Absturz der Britannia am Glungezer

Die bislang größte Katastrophe der österreichischen Luftfahrtgeschichte ereignete sich am 29. Feber 1964 auf der Voldertaler Seite des Glungezers. Auf einer Höhe von ca. 2600m, in dem Kar östlich der Gamslahnerspitze, entdeckte Edi Bodem, der mit seiner Piper PA 180 Supercub die verschollene Maschine suchte, die Wrackteile des abgestürzten Flugzeugs. Alle 83 Insassen der britischen Verkehrsmaschine der Eagle International Airways vom Typ Bristol Britannia B 312 waren beim Aufprall kanpp unterhalb des Gipfels der Gamlahnerspitze ums Leben gekommen. Die Teile der Maschine und deren Insassen lagen im weiten Umkreis des Kares verstreut und gaben Zeugnis von der Wucht des Unglücks, die ein Überleben von Menschen absolut ausgeschlossen hatte.

Die Britannia startete vom Flughafen London-Heathrow und flog problemlos bis in den Luftraum von München. Über dem Funkfeuer Kempten änderte der Pilot den Kurs in Richtung Funkfeuer Patscherkofel bei Innsbruck. Um 15h05 erreichte das Flugzeug Innsbruck und ersuchte um Landeerlaubnis. Es herrschten schlechte Wetterverhältnisse, eine dichte Wolkendecke mit Schneeregen reichte bis ins Inntal herab.

Damals gab es noch keine Blindfluganlage am Flughafen Innsbruck. Bei schlechter Sicht konnte der Pilot nur mittels Radiokompass zwei Funksäulen anpeilen, die am Beginn und am Ende der Startbahn als „Locator-Einrichtung“ montiert waren. Dadurch erhielt der Pilot einen Leitstrahl, mit dem er die Landebahn genau orten konnte. Das Flugzeug kreiste in einer Höhe von 3000m über Innsbruck und wartete auf die Landeerlaubnis. Um 15h14 riss der Funkkontakt ohne erkennbaren Grund plötzlich ab.

Sofort wurde alles versucht um das Flugzeug zu orten. Alle Flugplätze im Umkreis von 1000km wurden alarmiert. Bis zum späten Nachmittag konnte man noch hoffen, dass die Maschine außerhalb der Schlechtwetterzone gelandet wäre. In Rundfunk und Fernsehen gab es laufend Meldungen, in ganz Mitteleuropa wurde nach dem verschollenen Flugzeug gesucht. Gegen Abend, als nach Ansicht der Experten der Treibstoff längst verbraucht sein musste, wurde es zur schrecklichen Gewissheit: Das Flugzeug musste einem Unglück zum Opfer gefallen sein.

Gendarmerie, Bergrettung und Bundesheer waren in Bereitschaft, während auch noch in der Nacht fieberhaft telefoniert wurde, ob irgendwo etwas Besonderes bemerkt worden ist. Das Wetter hatte sich auch am Morgen des nächsten Tages kaum gebessert, sodass an eine Suche per Flugzeug vorerst nicht zu denken war.

Von Perstwick, Schottland, starteten um 09h00 zwei mit Radar ausgerüstete Suchflugzeuge der US-Air Force, die aus einer Höhe von 10.000m versuchten die Maschine zu orten. Um 11h00 besserte sich das Wetter und es konnten nun die Piloten Edi Bodem und Hans Neumayr mit ihren Pipers die Suche aufnehmen. Bodem übernahm das Karwendelgebirge, Neumayr die Stubaier Alpen. Ungefähr zur selben Zeit ortete eines der beiden amerikanischen Suchflugzeuge die Überreste der britischen Verkehrsmaschine im Glungezergebiet. Die beiden österreichischen Piloten wurden per Funk verständigt, worauf Edi Bodem erstmals die Wrackteile um 11h45 im Kar unterhalb der Gamslahnerspitze ausmachen konnte.

Erst lange Zeit später konnte die Ursache des Unglücks ermittelt werden. Die britische Maschine hatte Kartenmaterial an Bord, das im Raum Innsbruck den für die Luftfahrt wichtigsten Punkt, nämlich den Patscherkofel, mit Funkfeuer und genauer Höhenangabe 2246m eingetragen hatte. Die umliegenden Gipfel sind nicht von Bedeutung und deshalb auch weder mit Namen, noch mit deutlicher Höhenangabe versehen. Die Tragödie bestand darin, dass der Pilot annahm, der wichtige Punkt auf dem alle Funkantennen stehen, sei auch der höchste in der näheren Umgebung. Bei der Einstellung seiner Flughöhe ging er von dem Maximalwert 2246m aus, legte noch 300m Sicherheitsabstand dazu und kreiste somit auf einer Höhe von ca. 2550m, vielleicht sogar auf 2600m bei absoluter Null-Sicht. Zum Verhängnis wurde die gewählte Richtung der Warteschleife in Richtung Voldertal. Von Osten kommend, wieder den Patscherkofel ansteuernd, tauchte urplötzlich der Gipfelgrat zwischen Glungezer 2677m und Gamslahnerspitze 2681m auf. Der Aufprall an der Ostflanke knapp unter dem Gipfel der Gamslahnerspitze, war auf der gewählten, nur vermeintlich ausreichenden Höhe von 2600m, nicht zu vermeiden. Die Maschine zerschellte, brach auseinander und die Überreste wurden in dem weitläufigen Kar über hunderte Meter verstreut.

Acht Besatzungsmitglieder und 75 Passagiere verloren dabei ihr Leben. Innerhalb Österreich hat es bislang noch keinen Flugunfall gegeben, der derart viele Menschenleben gekostet hat.

Für die Bergungsarbeiten sind die in Bereitschaft stehenden BR-Mannschaften aus Innsbruck und Hall sofort ausgerückt und haben versucht die Unfallstelle zu erreichen. Vom Voldertal wurde Richtung Mitterkar aufgestiegen. Ohne genaue Ortsbeschreibung zu besitzen, versuchte man überall ein Flugzeug zu entdecken. An der mit Schnee bedeckten Flanke immer wieder hinter eine Gratkante schauend, konnte man bis abends nichts von der abgestürzten Maschine entdecken. Frustriert kehrte diese erste Mannschaft bei Dunkelheit um. Dass man in diesem Gelände nicht mit einer Lebendbergung rechnen konnte, war klar. Somit wurde beschlossen am nächsten Tag großräumig und nach genauen Instruktionen von Bodem neuerlich für die Bergungsaktionen aufzubrechen. Tatsächlich fanden 6 Kameraden der OST Hall am nächsten Tag die Unfallstelle und begannen mit der Sicherung von Einzelteilen, die in dem Kar weit verstreut herum lagen. Die beiden Motoren der Maschine steckten noch ganz oben, knapp unterhalb der Gratkante in den Felsen, während die übrigen Teile des Flugzeugs am Hang abgestürzt und erst weiter unten im Kar zum Liegen gekommen sind.

Federführend bei Flugunfällen ist immer die Flugüberwachung und die Flugunfallkommission. Die Bergrettung konnte nur in Form von Assistenzleistung eingesetzt werden. Hauptsächlich war es Aufgabe der Exekutive, die Unfallstelle abzusichern, fremde Personen durften keinesfalls in die Nähe kommen solange nicht die Leichen und das wichtigste Material abtransportiert waren. Die wichtigsten Helfer in derartigen Situationen sind natürlich die Hubschrauber. Aber ohne Personal, das an Ort und Stelle mithilft, funktioniert nichts. Diese Aufgabe haben in den nächsten Tagen abwechselnd immer wieder Bergretter gemeinsam mit Gendarmen übernommen. So war z.B. Heini Larcher von der OST Hall damit befasst, die Unfallkommission vom Grat zu den diversen Wrakteilen hinuterzusichern.

Viele Wochen hat es gedauert, bis endlich alle menschlichen Überreste und alles Material von Bedeutung ausgeflogen waren. Die Trauer um die unglücklichen Menschen war nicht nur in England, sondern auch bei uns tief und ergreifend. Sogar heute noch, mehr als 50 Jahre danach, erinnert sich jeder Tiroler, der damals schon gelebt hat, an dieses erschütternde Ereignis. (spitz)