Wandbergung aus der direkten Hechenberg Südverschneidung

(18.05.17) Bei manchen Einsatzmeldungen stockt BergretterInnen der Atem. „Person ungesichert in der Spitzenstätter-Schoißwohl“ ist so eine Meldung, die Außenstehenden vielleicht nicht so viel sagt. Für uns allerdings ist das eine Kategorie von Einsätzen, die Herzrasen verursacht.

Die Südwand des Hechenbergs bei Innsbruck/Kranebitten stellt sowohl für Kletterer, als auch für Bergretter eine Besonderheit dar. Die senkrechte Wand ist höher als die Martinswand, sie ist schwieriger zu erreichen und die Kletterrouten sind ernster, weil es sich hier um weitgehend schlechte Felsqualität handelt. Die alten Routen von Auckenthaler (1934) durch die gerade Südwand, die Pfeilerführe von Bachmann (1949) am Pfeiler und die direkte Verschneidung von Schoißwohl-Spitzenstätter (1963) weisen hauptsächlich nur die alten Haken der Erstbegeher auf, die meist nur in großen Abständen als Sicherungspunkte vorzufinden sind. Nur mit großem Respekt steigen die Aspiranten in diese Wand. Von den nachfolgenden Kletterassen wurde die westliche Seite der Südwand erschlossen, die mehrere moderne, sehr schwierige, aber besser abgesicherte Routen von Reinhard Schiestl, Sepp Jöchler und Reini Scherer aufweist.

Für die Bergrettung stellt die Hechenberg Südwand eine absolute Besonderheit dar. Genauso wie für die Martinswand, wurden schon in den 1970er Jahren, unter Anleitung des damaligen Pioniers im Bergrettungswesen, Kurt Pittracher, auch für den Hechenberg jene Voraussetzungen geschaffen, die eine zielgerichtete, rasche und sichere Wandbergung ermöglichen. Für alle Routen wurden fixe Abseilstellen eingerichtet und genau bezeichnet, für welche Route der jeweilige Platz zu verwenden ist. Viele Übungen wurden abgehalten, um im Ernstfall auch tatsächlich effizient helfen zu können.

An der Martinswand hat es schon viele Bergungen bei Tag und auch bei Nacht gegeben, wobei sich die Einrichtungen der BR Innsbruck sehr gut bewährt haben. Am Hechenberg wurde ebenfalls alles eingerichtet und einige Übungen abgehalten, wobei man mit den modernen Dyneemaseilen bereits mehrere Male über die 450m hohe Wand und weiter über den Vorbau hinunter bis ins flachere Gelände abgefahren ist.

Die Besonderheit, die wohl kein Gleichnis kennt, ist die Tatsache, dass sich in der Hechenbergwand noch nie ein Unfall ereignet hat, der eine Bergung notwendig gemacht hätte. Die Ernsthaftigkeit der Kletteranstiege ist hier derart bekannt, dass sich nur ausgezeichnete Alpinisten an eine Durchsteigung wagen. Tatsächlich ist überhaupt noch nie etwas in der Wand passiert. Der tragische Absturz von Franz Oppurg (1981) ereignete sich beim Abstieg und betraf nicht die Wand. Es dauerte bis zum 18. Mai 2017, bis die Innsbrucker Bergretter erstmals die Effizienz all ihre Trainingseinheiten am Hechenberg in der Realität anwenden mussten.
Eine gemischte Seilschaft, bestehend aus einer 28-jährigen Vorarlbergerin und einem 26-jährigen Tiroler, stieg in die direkte Südverschneidung ein. Das Wetter war prächtig, Sonnenschein, ein wenig Wind. Die beiden sind gute Sportkletterer und bewältigten den unteren Teil der Wand ohne große Probleme. Auch die Schlüsselseillänge hatten sie bereits hinter sich, als sich die vorauskletternde Vorarlbergerin etwas zu weit nach links verstieg und aufgrund des brüchigen Gesteins keine Möglichkeit mehr fand eine Sicherung unterzubringen. Der letzte Haken befand sich 15m unter ihr, ein Abklettern in dieser Schwierigkeit war nicht mehr vorstellbar.

Der Griff zum Handy, um einen Notruf abzusetzen, ist heutzutage kein Problem. Die Bergrettung Innsbruck wurde verständigt und in Bereitschaft gesetzt. Die beiden Kletterer waren unverletzt, sahen aber keine Möglichkeit sich selbst aus der gefährlichen Lage zu befreien.

Ein Erkundungsflug eines Hubschraubers brachte die Bestätigung, dass die beiden untereinander in Kletterstellung stehend verharren. Eine direkte Bergung per Rettungstau war aufgrund des Standortes der beiden und auch aufgrund der Windböen nicht möglich. Zwei Gruppen Bergretter begaben sich um 14h zur Standschützenkaserne in Kranebitten, von wo aus 6 Mann, mit der Ausrüstung für eine 600 Hm-Wandbergung, auf den Gipfel des Hechenbergs (1912m) per Hubschrauber „geshuttelt“ wurden. Die zweite Mannschaft stieg von unten auf, um den Geretteten entgegenzugehen.

Vom Gipfel sind ca. 100 Hm abzusteigen, um den Aufbauplatz zu erreichen. Die bekannten Verankerungen verwendend, konnte die Einrichtung der Abseilstelle umgehend erfolgen. Mit einem Dyneema-Doppelseil wurde ein Retter vorsichtig in die Wand abgelassen. Nur durch genaueste Kenntnis der Umgebung und durch zusätzliche Einweisung von unten (vom Gelände der Kaserne), konnte die exakte Abseil-Richtung gefunden werden. Der Retter erreichte punktgenau die hilflose Kletterin. Sie wurde an die Abseilplatte übernommen und konnte nun mit dem Retter weiter abfahren bis zum Kletterkameraden, der sich am unteren Stand befand. Nach dessen Übernahme wurde die Abseilfahrt zu dritt fortgesetzt. Nach einer kurzen Unterbrechung, die zur Verlängerung des 400m-Seiles erforderlich war, konnte die restliche Wand, stets über gute Funkverbindung gesteuert, abgefahren werden.
Während der Retter mit den zwei Geborgenen vorsichtig den Rest des steilen Geländes abstieg, mit der unteren Mannschaft zusammentraf und schließlich zur Kaserne gebracht wurde, musste die obere Mannschaft 2 mal 600m Seil aufziehen (Schwerarbeit), verstauen und zum Gipfel bringen. Mit der „Libelle“gab es schließlich einen „schnellen Abstieg“ zur Kaserne, wo die ganze Mannschaft kurz nach 17h mit den Geborgenen zusammentraf.

Eine derart große Wandbergung innerhalb so kurzer Zeit abzuwickeln, noch dazu mit dem befriedigenden Ergebnis, zwei Menschen aus lebensbedrohlicher Situation gerettet zu haben, ohne den geringsten Zwischenfall, gibt Anlass zu Freude und liefert die Bestätigung, dass vorausschauende Organisation im Bergrettungswesen satte Früchte trägt. (Walter Spitzenstätter)

An dieser Stelle möchte sich die Bergrettung Innsbruck bei allen Einsatzbeteiligten für ihre tolle Unterstützung bedanken…. Hubschrauber Crew Martin2, Bundesheer Standschützenkaserne Kranebitten, Polizei, Leitstelle Tirol u. u. u.

Anmerkung:
Die Route Spitzenstätter-Schoißwohl oder Südwand-Verschneidung am Hechenberg ist ein Meisterwerk unseres Ortsstellenmitglieds Walter Spitzenstätter. Heute mit VII- bewertet zieht die Route durch den zentralen Wandteil des Hechenbergs, mit einer reinen Kletterhöhe von 400 Metern und einer Wandhöhe von 600 Metern – gefährlicher Bruch, oder wie Walter selbst meinte „a schiana Schotter.“ Seit der Erstbegehung der Route gab es jedoch noch nie eine Bergung aus der Hechenbergwand – Gestern war es so weit!

Angekommen am „Aufbauplatz“ (Standplatz für die Seilverankerung) zeigte sich von Vorteil, dass die Wandkenntnisse von Walter mehr als hilfreich sind, um richtig in die überhängende Wand „einzufädeln“ und sich punktgenau zu den Kletterern abseilen zu können.

Wir waren Alle sehr froh, den Erstebegeher dieser alpinen Kletterwand vor Ort dabei zu haben!